Die europäischen Geflügelpreise lagen den größten Teil des Jahres deutlich über dem Niveau von 2025 und 2024 und haben Ende September einen großen Teil dieses Vorsprungs wieder abgegeben. Der Grund liegt auf der Angebotsseite. Die EU-Produktion lag Stand Juni 5,5 % im Plus, die Einstallungen von Masthähnchen stiegen im selben Monat kräftig, und die Erzeugung liegt inzwischen 4,4 % über dem Vorjahr und damit schneller, als der Verbrauch wächst. Die sommerliche Verbrauchssaison ist vorbei, daher dürften die monatlichen Mengen von hier an sinken.
Die Importe haben ebenso viel dazu beigetragen wie die heimische Erzeugung. Die EU-Geflügelimporte liegen 2026 bislang 6,1 % im Plus, wobei Brasilien rund 30 % mehr nach Europa liefert und die Ukraine 13,9 % mehr. Das zollfreie Kontingent der Ukraine liegt inzwischen bei 120.000 Tonnen, 30.000 Tonnen über dem Vorkriegsniveau, und diese Menge belastet die EU-Preise. In die Gegenrichtung wirkt die neue EU-Verordnung zur Produktqualität von Geflügel, die brasilianischen Importen ab September faktisch die Tür verschlossen hat.
Das Risiko liegt bei den Tierseuchen, und zwar nicht dort, wo die meisten Einkäufer hinschauen. Für 2026 hat Europa 146 Ausbrüche der Newcastle-Krankheit gemeldet, so viele wie seit zwanzig Jahren nicht mehr, mit Schwerpunkt in Deutschland, Polen und Spanien. Alle drei sind bedeutende Produktionszentren. Die Vogelgrippe war die ruhigere der beiden Seuchen, mit sechs Ausbrüchen in der zweiten Jahreshälfte, drei davon in Frankreich.
Diese Ruhe ist saisonal und nicht strukturell bedingt. Die neue Vogelzugsaison beginnt im Oktober, und 2025 erlebte Europa die schwerste Vogelgrippe-Saison seit 2016, wobei allein auf Polen 40 % der Ausbrüche entfielen, bei einem Anteil von rund 21 % an der EU-Erzeugung. Die Newcastle-Krankheit verknappt das Angebot auf andere Weise, indem sie Tiertransporte stoppt. Einfuhrsperren von Abnehmern außerhalb der EU können diese Ware allerdings in den EU-Markt zurückdrängen.
Im Hintergrund steht die Energiefrage. Die EU-Gasspeicher liegen infolge des Nahostkonflikts rund 20 Prozentpunkte unter dem Fünfjahresdurchschnitt, und Geflügelställe sind auf Strom angewiesen. Die Geflügelanalyse von Vesper arbeitet heraus, was eine Erzeugung in diesem Tempo für die Eindeckung bis in den Winter bedeutet und wo die Preisuntergrenze tatsächlich liegt.


