2021 hat Vesper eine Zusammenarbeit mit Marex Solutions begonnen, einer Division von Marex Financial und dem Bereich von Marex für Hedging- und Investmentlösungen. Teil der Zusammenarbeit ist ein Widget mit Futures- und Swap-Preisen für europäische Butter und Magermilchpulver (MMP) im Vesper-Dashboard.
Lucian Gladstone, der den Markt für Milchprodukte betreut, erzählt in dieser Fallstudie mehr über Marex und über die Bedeutung des Preisrisikomanagements.
Was genau macht Marex, und welche Rolle haben Sie im Unternehmen?
Die Marex Group ist eine diversifizierte globale Finanzdienstleistungsplattform, die Kunden in den Rohstoff-, Energie- und Finanzmärkten die notwendige Liquidität, Marktzugang und Infrastrukturdienstleistungen bereitstellt. Mit Hauptsitz in London, 22 Büros und weltweit über 1.100 Mitarbeitenden in EMEA, APAC und Nordamerika deckt Marex fünf Kernbereiche umfassend ab: Market Making, Execution and Clearing, Hedging and Investment Solutions, Price Discovery sowie Data and Advisory. Marex Hedging and Investment Solutions wurde 2017 gegründet, um Unternehmen dabei zu helfen, ihre Risiken aus der Volatilität von Rohstoff- und Währungspreisen abzusichern. Neben unserem Standardangebot an Milch-Futures und Swaps entwickeln wir maßgeschneiderte Lösungen für das Risikomanagement von Landwirten, Genossenschaften, Händlern, Exporteuren, Raffinerien und Verwendern.
Ich bin 2020 zum Milchprodukte-Team von Marex Solutions gekommen, nach mehreren Jahren im Finanzdienstleistungssektor. Als Jugendlicher habe ich in den Ferien auf einem Milchviehbetrieb in Frankreich gearbeitet, um mein Französisch zu verbessern. Vorher hatte ich verschiedene Rohstoffe betreut, und als sich die Gelegenheit bot, das Angebot für Milchprodukte bei Marex Solutions mitzuentwickeln, konnte ich nicht widerstehen. Meine Aufgabe ist es, Marktzugang zu verschaffen und Liquidität zu beschaffen, aber die Wissensvermittlung ist dabei ebenfalls ein wichtiger Bestandteil. Der Einsatz von Derivaten zur Risikosteuerung ist im Markt für Milchprodukte im Vergleich zu anderen Rohstoffen relativ neu. Zudem ist das Milchprodukte-Team von Marex eine sehr nützliche Informationsquelle, da wir ständig mit vielen verschiedenen Marktteilnehmern im Austausch stehen.
„Preisrisikomanagement mit Derivaten erlaubt es Marktteilnehmern, ihr Preisrisiko bei den Milchprodukten, die sie kaufen und verkaufen, kurz- bis langfristig abzusichern.“
Was umfasst Risikomanagement, und welche Rolle spielt Marex in diesem Bereich?
Die Märkte für Milchprodukte sind extrem volatil, verstärkt durch den Abbau staatlicher Stützungsprogramme und durch Handelsbeschränkungen. Die Preise für Milchprodukte sind unvorhersehbaren Treibern wie dem Wetter ausgesetzt, das erhebliche Auswirkungen auf die Marktpreise haben kann.
Preisrisikomanagement mit Derivaten erlaubt es Marktteilnehmern, ihr Preisrisiko bei den Milchprodukten, die sie kaufen und verkaufen, kurz- bis langfristig abzusichern. Ein Beispiel: Ein Hersteller, der die Anfrage eines Kunden erhält, der Butter zu einem festen Preis mit Lieferung in zehn Monaten kaufen möchte, wird ohne Absicherung nur zögerlich einen Preis nennen, denn der Preis könnte in der Zwischenzeit deutlich steigen und beim Verkaufspreis zu einem Verlust führen. Kauft der Hersteller dagegen einen Butter-Future und verkauft die physische Butter zu einem festen Preis, kann er sich gegen ungünstige Preisbewegungen schützen und seine Marge festschreiben.
Die Märkte für Milchprodukte stehen vor immer komplexeren und anspruchsvolleren Risiken: Marktvolatilität durch weniger Regulierung und durch Handelsbeschränkungen, geopolitische Risiken, Klimabewusstsein und Währungsrisiken. Wir arbeiten mit unseren Kunden aus der Milchbranche daran, ihre Risikoposition gegenüber dieser Volatilität zu steuern und gleichzeitig die neuen Chancen zu nutzen, die der globale Markt bietet.
„Marex beschafft Liquidität, fungiert als Zugangspunkt zum Markt und kann außerdem Kreditlinien zur Finanzierung der Transaktionen bereitstellen.“
Wie funktioniert Risikomanagement genau? Ermöglicht Marex den Zugang über die Börse oder über außerbörsliche Derivate (over-the-counter, OTC)?
Wir geben unseren Kunden aus der Milchbranche die Werkzeuge, die sie brauchen, um ihre Risikopositionen zu steuern. Der Milchprodukte-Desk bietet sowohl börsengehandelte Derivate (ETD) als auch OTC-Derivate in den europäischen Märkten (EEX), in Asien-Pazifik (SGX, früher NZX) und in den USA (CME). ETD und OTC haben jeweils ihre Vorteile, aber auf unterschiedliche Weise. Beim Handel mit börsengehandelten Derivaten ist der Kontrakt zum Beispiel standardisiert, während sich bei einem OTC-Kontrakt fast jeder Aspekt individuell gestalten lässt. Beim Handel mit Futures liegt der Vorteil darin, dass die Börse die Gegenpartei ist. Auch OTC-Derivate haben Vorteile, etwa die verfügbare Finanzierung und bestimmte Kontrakte, die an Börsen nicht angeboten werden (zum Beispiel BLE-Milch, Käse oder Vollmilchpulver in Europa).
Die wichtigsten Instrumente bei der Absicherung von Milchprodukten sind Swaps, Futures und Optionen. Swaps und Futures erlauben es, eins zu eins am Basismarkt teilzunehmen und die eigene Risikoposition auszugleichen.
Optionen geben dem Käufer das Recht, aber nicht die Pflicht, ein Produkt (zum Beispiel Butter oder Magermilchpulver) zu einem vereinbarten Preis und Termin in der Zukunft zu kaufen (Call-Option) oder zu verkaufen (Put-Option). Im Gegenzug zahlt der Optionskäufer dem Optionsverkäufer eine Prämie, vergleichbar mit einer Versicherungsprämie.
Marex beschafft Liquidität, fungiert als Zugangspunkt zum Markt und kann außerdem Kreditlinien zur Finanzierung der Transaktionen bereitstellen.
Risikomanagement ist in der Milchbranche ein relativ neues Konzept. Können Sie erklären, wie man Marex (und das Marex-Widget in Vesper) nutzen kann und wie Marex den Markt verändern will?
Der Einsatz von Derivaten auf Milchprodukte bringt mehrere Vorteile. Dazu gehören die Steuerung des Preisrisikos für stabile Erträge, eine genaue Budget- und Prognoseplanung und strategische Entscheidungen.
Ein Landwirt zum Beispiel hat kaum Anhaltspunkte für den Preis der Milch, die er produziert, denn dieser wird erst nach der Lieferung berechnet. Das schafft Unsicherheit darüber, ob er Kreditraten oder andere Kosten für Erweiterungen decken kann. Mit Futures kann der Landwirt den Milchpreis, den er erhält, wenigstens für einen Teil seiner Produktion garantieren.
Auf der Seite der Verwender hat eine Bäckerei, die jedes Jahr Tausende Tonnen Butter für Croissants einkauft, ein Budget. Steigt der Butterpreis um 50 Prozent, wird die Bäckerei ihr Einkaufsbudget kaum halten können. Mit Derivaten kann die Bäckerei ihr Preisrisiko bei Butter bis zu drei Jahre im Voraus steuern und ihre Budgetplanung im Griff behalten.
Mit unserer Expertise und der Technologie unserer Agile-Plattform wollen wir den Markt für Risikomanagement bei Milchprodukten durch unseren Service, unsere Flexibilität und unsere Transparenz verändern.
„In einer immer stärker datengetriebenen Welt ist es entscheidend, die richtigen Informationen zur richtigen Zeit in einem zugänglichen Format zur Hand zu haben.“
Wie unterstützt Vesper Marex dabei, Nutzern und anderen einen Mehrwert zu bieten?
Ich bin überzeugt, dass Vesper Transparenz in einen Markt bringen kann, der historisch sehr intransparent war. In einer immer stärker datengetriebenen Welt ist es entscheidend, die richtigen Informationen zur richtigen Zeit in einem zugänglichen Format zur Hand zu haben. Wer Entscheidungen über Einkauf, Verkauf oder strategische Planung trifft, über aktuelle und historische Daten verfügt und zugleich die Preise steuern kann, die er in Zukunft erzielt, ist gut aufgestellt, um die richtige Wahl zu treffen.
Wie fängt man am besten an, sich in das Thema Risikomanagement einzuarbeiten?
Ein guter Einstieg sind die täglichen Preisindikationen für Butter und Magermilchpulver, die wir auf der Vesper-Plattform veröffentlichen. So erhalten Vesper-Nutzer Einblicke in aktuelle Chancen am Terminmarkt und können überlegen, wie sich diese im eigenen Unternehmen umsetzen lassen. Zudem erhalten sie über die Zusammenarbeit mit dem Team von Marex Solutions Zugang zum Markt, um zu diesen Preisen zu handeln.
Das Milchprodukte-Team von Marex Solutions ist außerdem jederzeit offen dafür, Unternehmen die verschiedenen verfügbaren Instrumente des Risikomanagements zu erklären und zu vermitteln. Wir arbeiten regelmäßig eng mit Unternehmen zusammen, um sie bei der Umsetzung von Risikomanagementstrategien in ihrem Geschäft zu unterstützen und zu beraten.
Künftig wollen wir die Zusammenarbeit mit Vesper ausbauen und eine Schulungsfunktion einführen, die Vesper-Nutzern Informationen zu Instrumenten des Risikomanagements und zu deren Einsatz im Tagesgeschäft zugänglich macht.
„Ich denke, die Nachfrage nach Instrumenten des Risikomanagements wird in Europa in den nächsten Jahren immer stärker wachsen. Wir sehen schon jetzt, dass die Handelsvolumina von Jahr zu Jahr exponentiell zunehmen.“
Auch wir glauben, dass das für viele ein großer Vorteil sein wird, denn bisher nutzen nur wenige Unternehmen Instrumente des Risikomanagements, um ihr Risiko abzusichern.
In Europa ist das nach wie vor ein unterentwickelter Markt. Er wird nicht so stark genutzt wie andere Märkte, es gibt also noch viel Raum für Wachstum und Entwicklung. In den USA sehen wir, dass der Einsatz von Instrumenten des Risikomanagements sehr viel weiter verbreitet ist. Ich denke, die Nachfrage wird in Europa in den nächsten Jahren immer stärker wachsen. Wir sehen schon jetzt, dass die Handelsvolumina von Jahr zu Jahr exponentiell zunehmen.
Zum Thema USA: Die CME deckt für die USA sehr viel mehr Produkte ab als für Europa. Sehen Sie in Europa eine Nachfrage nach weiteren Produkten (etwa auf Basis des Vesper Price Index) wie Käse oder Molkenpulver, die derzeit Rekordpreise zeigen?
Auf jeden Fall. Derzeit gibt es viel Interesse an den drei Kontrakten, die an der EEX gehandelt werden: Butter, Magermilchpulver und Molkenpulver. Es gibt auch Nachfrage nach Kontrakten auf Flüssigmilch, besonders auf BLE-Milch. Das Gleiche gilt für Käse. Der Käsemarkt ist in Europa riesig, wohl größer als Butter und Magermilchpulver. Dieser Markt ist das nächste große Projekt für europäische Derivate auf Milchprodukte.
An der CME wird sehr viel mehr gehandelt als an der EEX. Was denken Sie, woran liegt das?
Dafür gibt es aus meiner Sicht mehrere Gründe. Erstens gibt es die Kontrakte auf Milchprodukte an der CME sehr viel länger, der Markt hatte also mehr Zeit, sich zu etablieren. Strukturell sind Kassa- und Terminmarkt dort außerdem sehr viel stärker verzahnt als in Europa. Ich denke, es liegt auch daran, dass Derivate auf Milchprodukte in Europa ein relativ neues Produkt sind, mit dem viele nicht unbedingt vertraut sind. Ein Hersteller zum Beispiel, der die Art ändern will, wie er seit 30 Jahren Geschäfte macht, muss die Änderungen erst in seiner Unternehmensstruktur umsetzen. Das braucht Zeit, wird aber sicher kommen. Die Leute müssen sich zuerst daran gewöhnen und verstehen, wie das Produkt funktioniert. Dem Markt für Milchprodukte Transparenz und Modernisierung zu bringen, darin sehe ich einen enormen Wert.